Ihr wisst es schon: Elli tauchte eines Tages auf und liess mich nicht mehr los. Und ihre Geschichte musste erzählt werden, das spürte ich ganz klar.
Ich sitze vor dem Laptop, bereit, diesen legendären ersten Satz zu schreiben. Das Licht ist gedämpft, sanfte Musik wabert durch mein kleines Arbeitszimmer. Ich lege los.
Denn ich habe eine perfekt durchstrukturierte Szenenplanung. Elli rettet einen Mann. Es ist Liebe auf den ersten Blick. Der Räuber ist ein Bösewicht aus Ellis Schulzeit und sieht den Moment gekommen, sich dafür zu rächen, dass sie ihn für einen braven Jungen verlassen hatte. Er unternimmt einen Guerilla-Krieg gegen sie und den Geretteten und versetzt das halbe Café, in dem sie arbeitet, in Angst und Schrecken. Wird ihre Liebe diesem Druck standhalten?
Ich schreibe die ganze Geschichte in wenigen Monaten runter. Es ist ganz einfach. Sich vom Schreibfluss treiben lassen, wie beim Schwimmen im Rhein. Eine Woche oder zwei darüber schlafen und nur noch überarbeiten. Das kenne ich alles vom ersten Roman. Easy.
Mit frischem Elan mache ich mich kurz darauf an die Überarbeitung und lese mal alles durch.
Ich bin erschüttert. Etwas ist grundlegend falsch. Aber was? Ich erinnere mich an einen Moment, als der Deutschlehrer meinen Aufsatz aufs Pult legte. «Rechtschreibung und Stil sind in Ordnung, aber weisst du, was das Thema war?»
Offenbar nicht.
Die Geschichte ist keine Rachegeschichte à la «verhängnisvolle Affäre». Es ist die Geschichte einer Entwicklung. Denn wie mir Elli am Anfang mit leichtem Bedauern in der Stimme sagte:
«Wovon ich träume? Machst du einen Witz? Menschen wie ich träumen nicht. Es macht keinen Sinn. Und doch … Ein eigenes Café am Meer … das wäre was. Im nächsten Leben, vielleicht.»
Das konnte doch nicht sein, oder?
Und diese Weigerung, Ellis Leben als im Voraus festgeschrieben anzunehmen, hat zu ihrer Geschichte geführt.
Ein paar Wochen noch, und Elli wird bald so echt sein, wie ihr und ich.
