Lebensträume…

Träume? Elli schüttelt den Kopf. Sie steht mit beiden Füssen fest auf dem Boden ihrer harten Realität. Eine kranke Mutter. Ein Job, den sie liebt, mit dem sie aber gerade so über die Runden kommt. Eine Vergangenheit, die sie nachts heimsucht. Träume sind nichts für ihresgleichen. Schon gar nicht Träume von der Liebe.

Das ist viel zu kompliziert. Hat sie bei ihrer Mutter erlebt. Mit Harald, ihrer ersten zögerlichen Liebe. Das ist was fürs Kino oder für Bücher, wie meine Wenigkeit sie so gerne liest und auch noch schreibt. Elli fasst es nicht, dass sie da hineingeraten ist. Beziehungen sind nichts für sie. Von den Jungs der Motorradclique abgesehen. Aber das sind Kumpels, und ehrlich gesagt hat keiner von ihnen sie jemals als Frau behandelt. Nicht einmal Roli, den sie seit der Schulzeit kennt. Sie träumt auf keinen Fall von der Liebe. Und von nichts anderem. Es geht ihr gut so, wie es jetzt ist.

Ich glaube ihr nicht. „Jeder Mensch hat irgendwo im Herzen einen Traum“, wende ich ein. „Für die einen ist es eine Alphütte in Graubünden, wo er endlich Ruhe vor den Grillfesten der Nachbarn hätte. Für den anderen ist es die Weltreise, all inclusive, insbesondere, was den Alkohol betrifft. Da wäre ich nicht so abgeneigt. Und für die dritten ist es ein Generationenhaus mit fünf Generationen unter einem Dach. Mit einem Gemüsebeet für die Selbstversorgung und ein paar Hühnern neben der Hollywoodschaukel. Also?“ Ich halte ihren Blick so richtig fest. Aber sehr bald hab ich sie ja eh ganz in der Hand – zwischen zwei Buchdeckeln.

„Naja“, lenkt sie ein. Leichte Röte überzieht ihre Wangen. „Da wäre schon was. Aber es ist nur ein Traum. Ein Luftschloss.“

Ich mag Schlösser, und Luftschlösser haben den Vorteil, dass man sie so bauen und ausstatten kann, wie man will und kein Bauherr hineinpfuscht. Ich warte.

„Ein eigenes Café. Das wäre cool. Am Meer. Aber die Schweiz hat kein Meer! Ist eh alles egal. Ich liebe Basel, hier ist es auch ok, nicht?“

Der Nachteil von Luftschlössern ist, dass sie nicht ganz so handfest sind, wie das Café, in welchem Elli arbeitet. Oder das Eis ihrer Chefin, auf das die halbe Stadt so versessen ist.

Ich verstehe sie nur zu gut. Denn ehrlich gesagt: Lebensträume fallen einem nicht einfach so in den Schoss. Man muss schon etwas machen. Ans Meer ziehen, zum Beispiel, wenn Elli von einem Café mit Meeresrauschen träumt. Die eine oder andere Fremdsprache lernen, wenn sie sich jenseits des Gotthards oder ins Land der Baguette wagen will.

Oder schreiben, wenn man ein Buch schreiben will.

Ihr dürft gespannt sein, was aus Ellis Luftschloss geworden ist.